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Steht nicht in den Sternen

09. Oktober 2018, Editorial

Ob Kunden ein bestimmtes Produkt kaufen oder nicht, hängt oft von den Onlinebewertungen ab. Es ist aber ein Leichtes, die zu fälschen. Wie man Fake Reviews erkennt und woher man weiß, ob das Restaurant wirklich vier von fünf Sternen verdient hat – eine Anleitung.

Thema:

Anleitung zum Erkennen
bald keine Falschrezensionen mehr
Fake Review
Onlinebewertungen

„Toller Mantel. Er hält schön warm und die Farbe ist genauso wie auf dem Produktbild. Der Nachteil: Das Material ist eher empfindlich und bei Flecken muss man den Mantel deshalb in die Reinigung bringen.“

Echt oder unecht? Wer sich heute Produktrezensionen im Internet anschaut, kann oft nur schwer zwischen vertrauenswürdigen und gefälschten Bewertungen unterscheiden. Das betrifft Modeketten genauso wie Restaurants, Hotels oder den Onlineshop eines Drogeriemarktes. Dabei sollten ja gerade die Bewertungen von Usern anderen Kunden Orientierung geben.

Neun von zehn Kunden lesen die Rezensionen im Vorfeld und vertrauen auf ihre Glaubwürdigkeit.

Zahlt sich der Kauf aus? Fast die Hälfte kauft ein Produkt, nachdem es seine guten Rezensionen gelesen hat und ein Drittel aller Käufer gibt sogar 30 Prozent mehr Geld aus, wenn die Bewertungen richtig gut sind. Denn: Fake Reviews müssen nicht immer schlecht sein. Auch positive Bewertungen sind manchmal frei erfunden. Laut einer Studie der Harvard Business School sollen zum Beispiel auf der Internetplattform Yelp ein Fünftel aller Bewertungen unecht sein – egal ob Lob oder Tadel. Die „Fälscher“ gehen dabei immer geschickter vor, machen sich vielleicht zuerst einen Namen mit wahrheitsgetreuen Rezensionen, ehe sie auch mal unechte verfassen. Trotzdem ist es nicht unmöglich, gefälschten Content zu erkennen.

Achtung, unecht!

Jeff Sakasegawa arbeitet für Sift Science. Ein Start-up, das sich darauf spezialisiert hat, Betrug im Internet zu erkennen und zu verhindern. Er ist dort „Trust and Safety Architect“, also dafür zuständig, Vertrauen und Sicherheit aufzubauen. Mit gefälschten Bewertungen kennt er sich aus. Sechs Merkmale gäbe es, sagt er, die Fake Reviews stets verrieten.

Eins: Sie leiten auf externe Seiten weiter.

 

Zwei: Ihre Verfasser schreiben eine Vielzahl an Bewertungen kurz hintereinander.

 

Drei: Sie schmücken diese mit blumigen Wörtern aus – generell mit mehr Verben als Nomen.

 

Vier: Sie sind in ihrer Meinung extrem, lieben oder hassen etwas. Vor- und Nachteile wägen sie hingegen so gut wie nie ab.

 

Fünf und sechs: In unechten Bewertungen finden sich fachspezifische Ausdrücke und manche Wörter – etwa „empfehlen“ – werden besonders häufig benutzt

Wer die Zeichen richtig deutet, kann also auch als Privatperson oder kleines Unternehmen Fake Reviews aufspüren. Dazu kommen Seiten wie „Fakespot“ oder „Trustwerty“, die Bewertungen mithilfe von Algorithmen überprüfen. Ähnlich machen es große Konzerne wie Amazon. Sie setzen in einigen Fällen zusätzlich auf Moderatoren, die Beiträge auf ihre Echtheit überprüfen, etwa anhand von Standort und Benutzerhistorie. Auf anderen Plattformen, AirBnb zum Beispiel, können wiederum ohnehin nur verifizierte User Bewertungen abgeben. Und dennoch passiert es immer wieder, dass jemand unterm Radar fliegt.

Gefängnis und Geldstrafe für Fake Reviews

So wurde erst vor kurzem ein Italiener wegen gefälschter Rezensionen zu neun Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 8.000 Euro verurteilt. Davor soll er aber mehr als eintausend Fake Reviews unter Verwendung einer falschen Identität an Hotels verkauft haben. Und das jahrelang. Manchmal geht es bei falschen Bewertungen schlicht darum, Auslastungs- oder Verkaufszahlen zu erhöhen, manchmal aber auch um das Schlechtmachen von Konkurrenten. Kein Wunder, dass also gerade eine Industrie rund um das Geschäft mit den falschen Bewertungen entsteht, deren Ziel es ist, genau diese Geschäfte zu verhindern.

Transparenz fürs Internet

So haben Forscher an der Aalto University in Finnland an einer neuen Art von Algorithmus gearbeitet, der besonders glaubwürdige Fake Reviews schreibt – um gleichzeitig eine ergänzende Künstliche Intelligenz zu programmieren, die selbst diese ausgeklügelten Falschbewertungen „höchst zuverlässig“ erkennt. Eine andere Methode, auf die die beiden Programmierer Petar Slovic and Ivan Ciric setzen, hat mit Blockchain zu tun. Die Technologie, die auch hinter dem Bitcoins-Hype steckt, ermöglicht eine Art verifizierter digitaler Identität. Mit Datensätzen zu Geburtsdatum und Adresse, aber eben auch mit Informationen zu Standorten und Einkäufen. Weil die Datensätze, wenn sie sich erst einmal im Block befinden, nicht mehr geändert werden können, ohne dass es auffällt, lässt sich plötzlich einfach überprüfen, ob der Verfasser einer Rezension ein bestimmtes Produkt tatsächlich gekauft oder in einem bestimmten Restaurant gegessen hat. „All Public Art“ setzt Blockchain bereits ein, um die Herkunft von Kunstwerken zu bestätigen.

 

Slovic und Ciric möchten das mit ihrem „Review.Network“ jetzt auch für Onlinebewertungen ermöglichen. Verifizierte User schreiben echte Bewertungen und erhalten dafür sogenannte REW Tokens, eine Währung ähnlich der Bitcoins. Mehr als 100.000 Interessierte haben sich bereits vorangemeldet. Um das Internet endlich wieder zu dem zu machen, was es ursprünglich war: ein Ort, an dem man Hilfe gesucht und ehrliche Meinungen gefunden hat.

 

Ach ja: Die Bewertung vom Anfang entspricht im Übrigen allen Echtheitsmerkmalen. Sie ist aber trotzdem falsch. Den Mantel gibt’s nämlich nicht. Also glauben wir zumindest.

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