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Hinzu kommt, dass wir uns durch das enorm steigende Bevölkerungswachstum in den nächsten Jahren immer mehr mit dem Thema Essen bzw. Nahrungsmittel beschäftigen werden müssen. Auch hier hat die Corona Krise ihre Spuren hinterlassen, denn sie hat deutlich gemacht, dass das europäische Lebensmittelsystem nachhaltiger und belastbarer werden muss. Und obwohl hierzulande die Supermarktregale gut gefüllt sind, ist andernorts der Hunger so groß wie nie zuvor, und es leiden immer noch zu viele an Mangelernährung. Wir brauchen also einen Paradigmenwechsel.

Eine Änderung im Konsumentenbewusstsein ist zu spüren, was sich auch im Wandel der Branche niederschlägt. Doch was erwartet uns die nächsten Jahre? Wir stehen vor einigen zusätzlichen gesellschaftlichen Herausforderungen; wie wird sich dies auf unser Essen auswirken?

1. Lockdown Food

Zunächst einmal hat die Corona Pandemie einiges an unserem Essverhalten und unserer Beziehung zu Lebensmitteln verändert. Essen ist oft ein Gemeinschaftserlebnis und ist nicht nur Nahrungsversorgung. Durch die vielen sozialen Einschränkungen hat es eine regelrechte Werteverschiebung im Bereich Essen gegeben. Wenn man früher mit Freunden und Familie zusammengesessen und gegessen hat, ob zuhause oder im Restaurant, war dies ein wichtiger sozialer Aspekt, um sich auszutauschen und auch Ängste, Sorgen und Freude miteinander zu teilen. Dieser Austausch fällt nun größtenteils weg. Stattdessen hat sich in der Corona Zeit vermehrt ein anderer Trend gezeigt. Wie eine Studie von Kulinaria Deutschland e.V. und dem rheingold Institut zeigt, ist vor allem der Kauf an Convenience-Produkten gestiegen.

Und auch eine Wandlung hin zum „Online Food“, also zum Lebensmitteleinkauf im Internet hat sich klar heraus kristallisiert. So werden laut Studie auch in den nächsten 10 Jahren, 80% unserer Einkäufe online ablaufen. Dieser Trend kann sich später auch in Restaurants wiederfinden. Da Gesundheit seit der Pandemie einen ganz neuen Stellenwert in der Gesellschaft und unserem persönlichen Alltag bekommen hat, wird sich dies auch und vor allem am Essen niederschlagen. In Zukunft wird Nahrung wahrscheinlich noch mehr individuell auf die persönliche Gesundheit zugeschnitten sein. So könnten demnächst z.B. durch Apps Ernährungspläne an Restaurants gesendet werde, die daraufhin ein personalisiertes Menü erstellen. So wird das Essen immer mehr zu einem Definitionspunkt für Menschen; getreu nach dem Motto „du bist was du isst“.

2. Fake Food: Essen aus dem Labor

Nicht nur nach einem Weg aus der Pandemie wird im Labor geforscht; dort kommt demnächst vielleicht sogar vermehrt unser Essen her. Vor allem das Thema Fleisch hat die Lebensmittelbranche in den letzten Jahren aufgewühlt: es gibt mehr Vegetarier, der Ruf, dass Fleisch schlecht für die Umwelt sei und auch das Nachhaltigkeitsproblem macht den Fleischkonsum zunehmend zu einer Schwachstelle. Laut einer Umfrage des Forsa Instituts essen 52% der Deutschen an drei oder mehr Tagen die Woche kein Fleisch und fallen damit in die Kategorie der „Flexitarier“. Fleisch ist immer mehr zum Problemkind der Branche geworden. Dem kann nun mit einer etwas unkonventionellen Alternative entgegengesteuert werden.

Schon länger steht fest, dass der tierische Fleischkonsum und die Produktion eingeschränkt werden müssen. Singapur hat vielleicht inzwischen einen Teil der Lösung gefunden. Der Stadtstaat ist der erste, der nun in-vitro Fleisch, also künstlich hergestelltes Fleisch aus dem Labor, zum Verzehr erlaubt. Die Idee dahinter stammt vom amerikanischen Startup „EatJust, Inc.“, welches nun in Singapur sein kultiviertes Fleisch in Restaurant servieren darf. So darf hier das weltweit erste „Labor Hühnchen“ verköstigt werden. Ganz ohne Käfig und Schlachtung.

Was zunächst etwas schräg klingt hat gute Gründe, denn durch die Umstellung auf In-vitro Fleisch, werden bis zu 45% weniger Treibhausgase verursacht. Auch für die Agrikultur stellt es eine Entlastung dar, denn es werden im Vergleich zur industriellen Fleischproduktion bis zu 98% weniger Wasser verbraucht und 99% weniger Landmasse in Anspruch genommen. Obwohl dieser Trend erst noch in den Startlöchern steht, wird er uns in nächster Zukunft stärker begleiten. Das zeigt nicht zuletzt die immer weiter zunehmenden Gesetzesdiskussionen, die einen regulatorischen Rahmen für solche Nahrungsmittelproduktionen schaffen wollen. Die Technologie wird uns also auch im Lebensmittelbereich stärker beeinflussen und viele neue und spannende Optionen servieren.

3. Qualität über Quantität

Über die Qualität des Laborfleisches ist uns jedoch bislang noch nicht viel bewusst. Diese wird bei den „natürlichen“ Lebensmittel aber immer wichtiger. Regional, saisonal, lokal, fair, transparent, bio, nachhaltig … Lebensmittel müssen künftig den viel höheren gewordenen Ansprüchen der Konsumenten standhalten. Und auch ethische und moralische Aspekte der Lebensmittelherstellung bekommen einen höheren Stellenwert. Da wundert es wenig, dass neue Gütekriterien wie Regionalität und Saisonalität für Lebensmittel immer mehr zum Verkaufstreiber werden. Laut Forscher des Rheingold Instituts zeichnet sich ein Trend hin zum regionalen und saisonalen Einkauf ganz klar ab und stellt das Thema Nachhaltigkeit bei Lebensmitteln noch mehr in den Vordergrund. Ein Merkmal, dass auch zuletzt durch die Corona Krise stärker wurde.

Ernährung wird also auch immer mehr zu einem Statussymbol. Dies spiegelt sich auch darin wider, dass Konsumenten vermehrt bereit sind mehr Geld auszugeben für gesunde Ernährung und bei Lebensmitteln eher darauf achten, auf solche aus einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion zurückzugreifen, was bislang eher auf Produkte wie Schokolade und Kaffee beschränkt war.

4. Von der (eigenen) Farm auf den Teller

Da es aber oft auch schwierig ist den Überblick zu behalten wo die Lebensmittel herkommen, unter welchen Bedingungen und wie umweltschonend sie produziert wurden, greifen viele Menschen, vor allem auch Städter, zum Urban Farming oder Urban Gardening Trend. Denn getreu dem Prinzip Selbstversorger weiß man hier, was man anpflanzt und wo es herkommt. Ganz nach dem Motto vom (eigenen) Garten auf den Teller, wird so der Traum einer ökologischen Stadt immer mehr zur Realität. So sollen innovative Konzepte in der Agrikultur, auch dem Thema Klimawandel, Nachhaltigkeit und Regionalität entgegenkommen. Vom Gemeinschaftsgarten auf dem Dach, vertikalen Gärten, die an Gebäuden hochwachsen oder dem eigenen Gewächshaus im Gästezimmer, die Möglichkeiten sind endlos, um das Leben grüner zu gestalten. Auch hier in Wien findet man den Trend des „Urban Farming“ bereits im Einsatz. Denn anhand von Konzepten wie Gemeinschaftsgärten, können Stadtbewohner sich ihren Traum vom eigenen Garten schnell erfüllen und so die Idee einer urbanen Gartenkultur vorantreiben.

Auch Unternehmen haben sich diesen Trend zu eigen gemacht. IKEA setzt bereits auf das Potenzial der „urbanen Inhouse-Landwirtschaft“ und hat eine eigene Pflanzenzuchtserie für zu Hause entwickelt. Und auch in der Innovationsschmiede von IKEA, „Space10“, wird fleißig gewerkelt. So wurde hier das Konzept eines „Growrooms“ entwickelt, ein „Hydrokultur-Bauernhof für die eigenen vier Wände“ oder anders: ein Selbstversorger-Garten, der aus Sperrholz besteht. Gemäß der IKEA Philosophie gibt es diesen in 17 Schritten für jedermann zuhause nachzubauen, die Bau- bzw. Schnittpläne für den Growroom sind nämlich öffentlich zugänglich. So kann man sich easy seinen eigenen Growroom zuhause nachbauen. Jedoch braucht es für den Zuschnitt des Holzes fortgeschrittene Technologien, z.B. einen Lasercutter, den natürlich nicht jeder zuhause hat. Space10 macht aber durch sein Konzept auf das Potenzial solch neuer Technologien aufmerksam, die irgendwann vermehrt bei uns in den eigenen 4 Wänden zu finden sein werden.

Auch das „Vertical Farming“-Unternehmen „Aero Farms“ hat sich dem Nachhaltigkeits-Selbstversorger Trend angenommen und die größte Indoor-Farm der Welt, in einer ehemaligen Stahlfabrik in der US-Stadt Newark, aufgebaut. Hier kann laut Aero Farms pro Jahr fast eine Million Kilogramm Nahrung (vor allem Salat) produziert werden und das alles weit weg von den Feldern, hinter verschlossenen Türen. Die Idee dahinter ist, dass auch Kinder und Menschen aus sozial schwachen Hintergründen leichteren Zugang zu gesundem und lokalem Gemüse bekommen. Dabei tut man auch gleich was für die Umwelt, denn durch solche Farming Konzepte kann bis zu 95 Prozent des Wasserverbrauchs eingespart werden.

Und auch die belgische Supermarktkette Delhaize bringt Lebensmittel vom eigenen Dach ins Fach. Das neue Konzept, das derzeit nur in vereinzelten Filialen in Brüssel getestet wird, nutzt die Dachfläche des Supermarktgebäudes, um dort einen Garten zu bauen in dem vor allem Gemüse wächst, das man später im Supermarkt gleich kaufen kann. Auf 360 Quadratmeter wachsen derzeit rund 5.200 Pflanzen. Ein Trend, der jedes Schlagwort erfüllt: lokal, Bio, frisch und gesund und nachhaltig obendrauf, da lange Transportwege entfallen. Ein Trend mit Zukunft?