Inhalt

Das liebe böse Plastik

30. Oktober 2020, Editorial

Das Thema Plastik sorgt seit Jahren für viele Debatten: Hier schieden sich gerne mal europaweit die Geister. In Österreich ist es jetzt vor allem gerade das Thema Einweg-Pfand, dass derzeit in aller Munde ist und das größere Thema Plastik wieder auf die Agenden der Politiker aber auch der Gesellschaft bringt. Ein kleiner Blick hinter die Kulissen, was es eigentlich damit auf sich hat und wie andere denn mit diesem heiklen Thema umgehen. Klimakiller oder Alltags-Erleichterer? Was steck hinter dem Plastik.

Thema:

Mehrwegflaschen
Nachhaltigkeit
Plastik
Rewe

We live in a Plastic World!

Allein in den letzten 50 Jahren ist die Plastikproduktion in der gesamten Welt um das 20-fache gestiegen. Laut Prognosen soll dies bis 2050 sich noch einmal vervierfachen. Und allein der Blick auf den Plastikflaschenkonsum in Österreich zeigt schon das Dilemma: hier werden jährlich 1,6 Mrd. Plastikflaschen und 800 Mio. Dosen auf den Markt gebracht.

Das EU-Parlament hat daher 2019 die Single-Use Plastics (SUP) Directive durchgesetzt, die der Verschmutzung durch Einweg-Plastik entgegen treten soll. Ein Wandel weg von Einweg-Produkten hin zu Mehrweg-Produkten und Systemen ist das Ziel, zu dem sich alle EU-Länder verpflichten müssen. Das heißt konkret, dass Getränkeflaschen aus Kunststoff bis 2025 zu zumindest 77 und bis zum Jahr 2029 zu zumindest 90 Prozent getrennt gesammelt und recycelt werden müssen. In Österreich sind aktuell rund 1,6 Milliarden dieser Kunststoff-Getränkeflaschen im Verkehr. Hierzulande fallen jährlich um die 900.000 Tonnen Plastikabfall an, von denen allein ein Drittel auf Plastikverpackungen zurückgeht. Pro Jahr werden in Österreich 45.000 Tonnen Einweg-Plastikflaschen verkauft. Österreich selber muss zudem noch bis 2030 die EU-Recyclingquote von 55% bei Kunststoffverpackungen erreichen.

Daher wird gerade das Thema Pfand, welches als der günstigste und effizienteste Weg gesehen wird diese Maßnahmen zu erreichen, so heiß diskutiert. Doch wie alles im Leben ist dies auch nur ein sehr kleiner Teil eines sehr komplexen Themas mit noch komplexeren Lösungsansätzen.

Warum die ganze Aufregung?

In Österreich besteht bereits ein Pfandsystem für Mehrwegflaschen wie Bier und Mineralwasser. Auf Einweg-Getränkeverpackungen aus PET, Aluminium und Glas wird derzeit aber noch kein Pfand erhoben. Ein Einweg-Pfandsystem, so die Befürworter, würde u.a. zu weniger Müll in Österreichs Natur führen. Daher wir derzeit ein Vorschlag diskutiert, ein Einwegpfand auf PET-Flaschen einzuführen.

Egal ob Einweg oder Mehrweg; Pfand heißt Geld. So würde laut Studien eine finanzielle Mehrbelastung von jährlich 10.500 Euro pro Betrieb durch die Einführung eines Einwegpfand-Systems entstehen. Im Handel würden zudem täglich 1-2 Stunden für die Reinigung, Wartung und den Behälter-Tausch hinzukommen. Viel Aufwand also für so wenig Stoff. Doch auch die Konsumenten müssen weite Wege in Kauf nehmen, wenn sie ihre Plastikflaschen zurückbringen und das Pfand einsammeln wollen. Jedoch belegen Studien auch dass, nach den Erfahrungen von 150 Mio. Einwohnern in zehn EU-Mitgliedsstaaten, Pfand zumindest 80% der eingesetzten Materialien wieder zurückbringt. Das achtlose Wegwerfen von Verpackungsabfällen wird demnach auf ein Fünftel reduziert.

Andere Länder, andere (Plastik)Sitten

Ein Blick nach Deutschland zeigt, dass die offiziellen Recyclingquoten bei unseren Nachbarn relativ hoch sind: Hier wurden 2015, laut Bericht der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung, 93,5 Prozent aller PET-Flaschen wiederverwertet, bei den PET-Flaschen mit Pfand waren es sogar 97,9 Prozent. Laut Experten sind diese Zahlen aber mit Vorsicht zu genießen, denn sie beziehen sich lediglich auf die Anlieferung bei einem Recyclingunternehmen, nicht aber auf das wirklich recycelte Plastik selbst. Also: nicht alles was glänzt, recyceltes Plastik. Trotzdem gibt es weltweit immer mehr Initiativen, um dem Meer an Plastik, nicht nur bei Flaschen, entgegenzutreten.

Kanada ist heuer noch einen Schritt weiter gegangen und hat Plastiksackerl, Strohhalme und andere Plastikprodukte verboten. Auch Einwegbesteck und -geschirr wurde der Kampf angesagt. Und auch in der Dominikanischen Republik werden seit Anfang 2019 alle Einweggegenstände aus Plastik – wie Strohhalme und Besteck, aber auch Becher und Behälter aus Polystyrol verboten.

Istanbul hat mit der Installation von Recyclingautomaten einen Reiz gesetzt: wenn Konsumenten eine leere Plastikflasche zum Recycling einführen erhalten sie ein Guthaben auf ihrer lokalen Öffi-Karte.

Die Niederlande fallen mit einer „PlasticRoad“ auf. Dieser 30 Meter lange Fahrradweg im niederländischen Zwolle wurde zu 70% mit Kunststoffabfällen gebaut und enthält ungefähr 218.000 Becher. Er ist viermal leichter und damit beim Transport weniger umweltbelastend und ermöglicht zudem eine bessere Wasserableitung zur Vermeidung von Überschwemmungen.

Und jetzt?!

Doch auch wenn gerade das Pfandsystem für PET Flaschen in aller Munde ist, ist Plastik ein weitaus größeres Thema, dass vor allen in den Supermärkten schon länger in Angriff genommen wird. Den Plastikverpackungen in Supermärkten wurde schon länger der Kampf angesagt. Auch in sozialen Netzwerken wurden unnötige Plastikverpackungen angefochten. Auf Twitter hat die NGO Greenpeace mit den Hashtags #RidiculousPackaging und #BreakFreeFromPlastic einen Trend ausgelöst. Mit diesen Hashtags markieren Benutzer unnötig verpackte Lebensmittel wie beispielsweise in Plastik eingeschweißte Kokosnüsse, Avocados oder bereits geschälte Orangen, die in Plastikbehältern verkauft werden. Ist ja nicht so, als ob die Natur noch keinen Weg gefunden hätte diese Orangen auf natürlich Weise zu verhüllen, damit wir nicht auf Plastik angewiesen wären…

Daher heißt es auch bei der REWE Group schon seit längerer Zeit: „Raus aus Plastik“. Bei BILLA, MERKUR, PENNY, ADEG und Sutterlüty sind Plastiksackerl bereits Geschichte und es wurde auf Öko-Sackerl für Obst & Gemüse umgestellt. Diese bestehen aus Kartoffelstärke, sind bei niedrigen Temperaturen kompostierbar und hinterlassen sogar keinen Mikroplastik.

Auch bei Ja! Natürlich wird seit 2011 bei der Verpackung auf Green Packaging gesetzt, um so sukzessive Verpackungen zu reduzieren. Allein bei Bio-Obst & Gemüse konnten bereits 1.000 Tonnen Plastik eingespart werden. Auch Dank des 2016 eingeführten „natural branding“, durch welches Obst und Gemüse gelasert wird und dadurch unverpackt und doch beschriftet in der Filiale verkauft werden kann, ohne dabei den Geschmack zu beeinflussen.

Doch dem sei nicht genug: Seit einigen Jahren vermehren sich auch die verpackungsfreien Supermärkte in unseren Städten. Solche „Unverpackt-Läden“ kommen ohne Einwegverpackungen aus und bieten alle Waren „offen“ oder notfalls in wiederverwendbaren (Pfand-)Behältern an.

Wir sehen also: wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Es müssen jedoch nur alle mitmachen, damit sowohl Händler wie auch Konsumenten einen plastikfreien Beitrag leisten können.

Ähnliche Artikel

Steht nicht in den Sternen

Wie man Fake Reviews erkennt – eine Anleitung.

Editorial

Fresh Baguettes in the bakery section of Billa Corso

Guter Riecher

So funktioniert Duftmarketing.

Editorial

„Retail-tainment“

Wenn der Einkauf zum Erlebnis wird

Editorial

Vibrationen von Wasser

Für stimmige Botschaften

Jedes Unternehmen hat seine ganz eigene Identität und Sprache. RADIO MAX verleiht ihnen dazu die richtige Stimme.

Editorial

Wir setzen auf dieser Website Cookies ein. Falls Sie diese Cookies bei Ihrem Besuch auf unserer Website nicht einsetzen möchten bzw. für weitere Informationen über Cookies, informieren Sie sich bitte in unseren Datenschutzbestimmungen Stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu?
ICH STIMME ZU