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Unwirklich wahr

13. Februar 2017, Editorial

In Supermärkten shoppen, die es eigentlich gar nicht gibt. Oder eine Wohnung einrichten, obwohl die Möbel noch im Kaufhaus stehen. Virtual und Augmented Reality machen fast alles möglich. Und Einkaufen so wieder spannender.

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Früher haben wir Freunde misstrauisch beäugt, wenn sie ihre Konsole eingeschaltet haben, um wieder mal in eine unwirkliche Welt abzutauchen. Nerds. Heute sind virtuelle und erweiterte Realitäten die Zukunft des Handels. Und wir dank Smartphones sowieso alle immer am Rande der Wirklichkeit. Denn 87 Prozent von uns benutzen das Handy, bevor wir einkaufen gehen, um Produkte zu suchen oder uns darüber zu informieren. 79 Prozent benutzen es sogar während des Einkaufs und immerhin noch ein Drittel teilt im Nachhinein online mit, was sie gerade davor in Geschäften erlebt haben. Da ergibt es eigentlich nur Sinn, dass der Handel sein Angebot noch stärker mit Smartphones, Tablets, aber auch mit Virtual-Reality-Brillen verknüpft und so neue Einkaufserlebnisse kreiert.

Das Besondere an den künftigen Entwicklungen, die zum Teil bereits sichtbar sind, ist eben genau dieser Einsatz von Virtual Reality (VR) beziehungsweise seiner kleinen Schwester, der Augmented Reality (AR). Während bei der VR ganze Geschäftslokale simuliert werden, vermischt sich bei der AR die reale mit der unrealen Welt. 2016 gab es dafür ein Paradebeispiel: Pokémon Go. Der Trend zeigt auch die Bereitschaft der Kunden, solche neuen Angebote anzunehmen – und Studien belegen das. Fast die Hälfte aller mehr als 1.000 Befragten zwischen 19 und 49 Jahren gab bei einer Umfrage an, an VR „sehr interessiert“ zu sein. Und Goldman Sachs sagt hohe Gewinne für die gesamte Industrie voraus. Bereits in weniger als zehn Jahren, im Jahr 2025, soll es ein 80-Milliarden-Dollar-Markt sein. Das wäre mit dem heutigen Markt für Desktop-PCs vergleichbar.

Ohne VR-App sehen die Leute einen leeren Parkplatz. Ist die App aktiviert, kann man einen ganzen Supermarkt virtuell erkunden.

Virtual und Augmented Reality verringern die Anzahl von Retoursendungen, weil das Produkt vor dem Kauf virtuell, trotzdem wie in Echt getestet werden kann.

Vorteile können sich davon sowohl Kunden als auch Händler versprechen. Für letztere bedarf es zwar Investitionen – Software, Hardware, Inbetriebnahme, laufende Kosten – andere Ausgaben können sie sich im Gegenzug aber sparen. Der größte Online-Supermarkt Chinas, Yihaodian, verzichtet auf tatsächliche Geschäfte, hat aber trotzdem Filialen, die besucht werden können. Yihaodian eröffnete nämlich eintausend virtuelle Shops an leeren Flächen oder beliebten Orten. Wer dort die App des Händlers öffnet, sieht durch seinen Bildschirm ein komplettes Lebensmittelgeschäft, kann durch die virtuellen Gänge spazieren, Produkte durch kurzes Antippen in den Warenkorb legen und sich anschließend nach Hause liefern lassen. Yihaodian spart sich mit seiner Augmented Reality die Kosten für Grundstücke, für Filialen, es gibt keine Platzprobleme, dafür aber ein neues, spannendes Service für Kunden. Diese wiederum profitieren von kürzeren Wegen, weil virtuelle Geschäfte ja theoretisch an jeder Straßenecke aufpoppen können. Aber auch in kleineren Maßstäben bietet AR großen Nutzen, wie American Apparel und Ikea zeigen.

Das reale Einkaufserlebnis kann nicht ersetzt werden – aber erweitert.

Die größte Herausforderung beim Möbelkauf ist es ja, sich das neue Sofa im eigenen Wohnzimmer vorzustellen. Passt es wirklich auf die leere Fläche? Passt es zu den anderen Möbeln? Das schwedische Einrichtungshaus Ikea hat die Antworten auf genau diese Fragen. Mittels gedrucktem Katalog und AR-App erscheinen Bett, Kleiderschrank und Garderobenständer plötzlich in der Wohnung. Die Gegenstände können sogar bewegt, gedreht und in verschiedenen Farben angezeigt werden. Praktisch. Und es bedeutet auch weniger Retoursendungen für Ikea, eine effizientere Logistik und damit eine Kostenersparnis. Bis zu 23 Prozent aller Retouren sollen sich so für Händler verhindern lassen.
Wer hingegen die App von American Apparel im Geschäft benutzt und das Smartphone auf ein Kleidungsstück hält, erhält detaillierte Informationen zum Produkt. Auch hier können sich Kunden dann verschiedenen Farben und Ausführungen zeigen lassen. Ist der gewünschte Pullover gerade nicht lagernd, via App kauft man ihn einfach trotzdem. Und freut sich über das Paket in einigen Tagen.

Im Modesektor scheinen AR und VR besonders viele Möglichkeiten zu bieten. Niemand steht schließlich gerne in Warteschlangen vor der Umkleidekabine oder mag fünf verschiedene Jeans an- und ausziehen, um zu sehen, ob eine davon so sitzt, wie sie soll. Besser wäre es doch, sie virtuell, mit einem Klick anzuprobieren. Am besten daheim und am Sonntagnachmittag, wenn sonst nichts zu tun ist. Dass dieses täuschend echt wirkende Home-Shopping den wirklichen Einkaufsbummel nicht ersetzen kann, sollte klar sein. AR und VR sind lediglich Zusatzangebote, die uns bei Entscheidungen helfen oder unseren Alltag ein Stück weit erleichtern. Auch beim deutschen Autohersteller Audi sieht man das so. Marcus Kühne, der dort Projektleiter für Virtual Reality ist, meint etwa, ein Besuch im Autohaus müsse für Kunden attraktiver werden und das erreiche man eben mit VR. Seit 2013 nutzt Audi deshalb Virtual Reality und lässt sich die Technik dafür einen fünfstelligen Betrag kosten. 50 verschiedene Automodelle und Millionen unterschiedlicher Ausstattungsvarianten können sich potentielle Autokäufer vor Ort zeigen lassen. Das Wunschauto steht in Sekundenschnelle vor ihnen, genauso schnell ändern sich Farben oder Gadgets. Vor allem Sonderausstattungen ließen sich mit der VR-Brille bisher gut verkaufen. Und eines darf man nicht vergessen: Die Technik wird kontinuierlich weiterentwickelt. Schon in drei Jahren soll es Brillen geben, die ohne Kabel oder zusätzlich Computer funktionieren. AR und VR werden auch im Privatbereich öfter zu finden sein. Einfach weil ihre Einsatzgebiete so vielfältig sind. Grenzen gibt es fast keine. Samsung hat seine Kunden im vergangenen Jahr beispielsweise auf eine virtuelle Kreuzfahrt geschickt, um die neue VR-Brille zu bewerben. Teilnehmer konnten dabei eine echte Schiffstour gewinnen. Die war dann aber auch mit einer guten alten Sonnenbrille möglich.

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