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Shopping carts photographed through a window

Mega, Hyper, Mini.

09. Juli 2016, Editorial

Während manche Kaufhäuser zu Einkaufskomplexen mutieren, besinnen sich andere wieder auf den Kern ihres Geschäfts. Eine Bestandsaufnahme in allen Größen.

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Eine Zeit lang waren Märkte nur super. Dann wurden draus Megamärkte. Jetzt: halten wir bei Hypermärkten. Abertausende Quadratmeter Einkaufsfläche, unzählige Waren. Der Lebensmitteleinkauf zwischendurch fühlt sich heute so an wie früher ein ganztäglicher Marathon durch ein Einkaufszentrum. Regal um Regal um Regal bauen sich immer wieder neue Produktwelten auf. Mehr geht eigentlich nicht. Mehr ist auch gar nicht zu schaffen – weder für die Händler noch für die Kunden. Kein Wunder also, dass wir uns wieder langsam in die Gegenrichtung bewegen. Wo bergauf lange die einzige Richtung war, geht es irgendwann bergab. In diesem Fall sogar ganz ohne negative Konnotation. Weil Händler sich – um Teil – wieder auf ihre Stärken besinnen. Weniger ist mehr. Wir Kunden sind ohnehin überwältigt von zu vielen Möglichkeiten; etwas Orientierung nehmen wir dankend an. In Form von wieder kleineren Shops, den Mini-Märkten. Oder Concept Stores, die uns gut kuratiert durchs Einkaufserlebnis führen – damit wir uns nicht irgendwo zwischen den Regalen verlaufen.

Verkaufs- und Lagerflächen kosten richtig Geld. Deshalb reduzieren große Ketten ihre Vorräte.

Wer im Jahr 2016 in ein Geschäft geht, hat meistens schon eine Online-Recherche hinter sich und möchte Produkte jetzt in Echt sehen, anfassen, an- und ausprobieren. Was Kunden nicht wollen: ewig nach dem Lieblingsteil suchen. Eine reduzierte Auswahl gibt Überblick, wirkt gleich aufgeräumter. Und: Verkaufsflächen und Lagerräume kosten richtig Geld. Wer sich verkleinert, spart. Die Großen machen es vor: Die Baumarktkette Home Depot war beispielsweise für ihre meterhohen Warenstapel auf ihren noch längeren Regalwänden bekannt. Jetzt setzen sie auf weniger ausgestellte Produkte, die sich auf Höhe der Kunden befinden müssen. Target und Walmart legen auch nur mehr so viel auf ihre Regale, wie tatsächlich verkauft wird. „Es geht darum, die Nachfrage zu bedienen und nicht mehr darum, aufgrund irgendwelcher Prognosen viel vorrätig zu haben“, sagt Brian Gibson, Logistikprofessor an der Auburn University. Klar, auch Hypermärkte haben ihren Reiz und sie werden auch weiter bestehen. Weil ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft gerne alle Möglichkeiten hat – ohne den Ort zu wechseln. Gerade für die klassischen Wochenendeinkäufe steuern viele Super-, Mega- und Hypermärkte an. Aber es gibt eben auch die demographische Entwicklung und die sagt: kleiner werden, flexibler. Heute leben mehr Menschen in Single-Haushalten, Berufstätige haben auch weniger Zeit, dazu kommt, dass Kochen und gesundes Essen gerade ziemlich in sind. All das führt dazu, dass kleine Märkte auftauchen oder große Ketten kleine Geschäfte einführen, die dann irgendwas mit mini, express oder to go heißen. Als Ein-Mann-Haushalt hole ich mir dort nach der Arbeit schnell frische (!) Zutaten, weil Großeinkäufe eben keinen Sinn ergeben.

Wer Produkte von Glossier kaufen möchte, landet womöglich auf einer Warteliste. Als Nummer 10.000.

Die Wunschvorstellung hinter überschaubaren Produktmengen, der ewigen Frage nach tatsächlichem Bedarf und der neuen Lust nach heimeligen Geschäften, nicht viel größer als ein Wohnzimmer, ist – no na – zu verkaufen. Viel zu verkaufen. (Viel zu verdienen.) Idealerweise so begehrt zu sein, dass ich mir gar keine Gedanken zu all dem gerade Beschriebenen machen muss. Kurz: so zu sein wie Emily Weiss, Geschäftsführerin von Glossier. 2014 gegründet, hat die Beauty-Marke schon jetzt Kultstatus. Von allen Produkten gibt es nur eine begrenzte Anzahl, Wartelisten bei Weiss sind manchmal 10.000 Namen lang. Erfolgreich ist Weiss vor allem, weil sie ihre Marke geschickt positioniert („beauty should be fun, easy, imperfect, and personal“) und in ständigem Kontakt mit ihren Kundinnen steht. Sie baut Beziehungen auf – ganz ohne Megastores, Superkampagnen und Überdrüber-Angebote. Denn eines darf man nicht vergessen: Zum Verkauf reicht heutzutage auch eine wirklich kleine Fläche. 1280 x 1024 Pixel.

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