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Der neue SUPER-Markt

07. April 2017, Editorial

Wir enthüllen: Wie verpackungsfreie Supermärkte die Welt ein kleines Stückchen besser und uns glücklicher machen können.

Thema:

eco food
green packaging
Laser Logo
Natural Branding
no more plastic
tatowierte früchte
verpackungsfreier Supermarkt
zero waste

Blogbild

© Billa AG

„Früher hat es das nicht gegeben. Da hätte man die einzelnen Eier noch lose in Zeitungspapier gewickelt.“, erklärt sie. Die Eierschachtel aus Karton bezeichnet die Marktfrau dann noch als moderne Erfindung. Eine Szene am Kaiser-Josef Markt in Graz, die einiges aussagt. Über unsere Gesellschaft. Über den Wandel, der in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat. Und über unser Selbstverständnis, wenn es um Verpackungsmüll geht.

 

Wer waagt gewinnt – Einkaufen mit Maß und Ziel

 

Dass es dennoch anders geht, wissen heutzutage aber nicht mehr nur die Alten, sondern auch die Jungen. Wie Sarah Reindl und Verena Kassar, die ihren Traum verwirklichten und den ersten verpackungsfreien Laden in Graz eröffneten: Das Gramm. In der Landeshauptstadt waren sie mit diesem Konzept vor einem Jahr die Ersten. In Österreich jedoch längst nicht mehr die Einzigen. Der Einkaufstrend der verpackungsfreien Supermärkte greift um sich. Mittlerweile schießen sie aus fast jeder Großstadt wie Pilze aus dem Boden. Regionale Bio-Pilze versteht sich. Denn egal ob sie jetzt „Bulk Barn“ (der kanadische Vorreiter der verpackungsfreien Supermärkte), „Das Gramm“, „Lunzer’s Massgreisslerei“ oder „ Der Greißler – unverpackt.ehrlich“ heißen, alle setzen sie auf nachhaltigen und biologischen Anbau sowie auf Regionalität und Saisonalität ihrer Produkte.

Wie funktioniert’s? Die Waren werden unverpackt und offen in großen Spendersystemen, meist in zylinderförmigen Glasbehältern, angeboten. Die Kunden bringen ihre eigenen wiederverschließbaren Dosen, Gläser und Flaschen mit und füllen die Produkte direkt im Laden selbst ab. Jeder nimmt im besten Fall also nur das, was er wirklich braucht. Gemüse und Obst kommt in den Hipster-Jute-Beutel, Reis oder Nudeln in Einmachgläser, Käse und Wurst in die Tupperdose, Spülmittel in Glasflaschen. Doch egal ob Glas, Tupper oder Papier, alle Behältnisse werden vor dem Einkauf abgewogen, sodass am Ende wirklich nur der Inhalt bezahlt wird. Aber spontan einkaufen, geht das überhaupt dann noch? Ja, das geht. Denn meistens kann man die wiederverwertbaren Verpackungen auch vor Ort kaufen. Oder einfach ausleihen. Alles ein bisschen so, wie es die Marktfrau wahrscheinlich jahrzehntelang von den klassischen Greißlern gewohnt war. Von Außen erinnert jedoch nichts mehr an den verstaubten „Tante-Emma-Laden“. Denn vom Logo über die Gefäße bis zur Inneneinrichtung ist alles komplett durchdesignt. Ganz im Sinne der neuen Öko-Ästhetik.

 

 

Zeit, die Hüllen fallen zu lassen

Würde man Mandeln in den USA nicht in Plastik eingeschweißt verkaufen, sondern aus einem großen Behälter abfüllen, könnte man jährlich rund 33 Millionen Tonnen Verpackungsmüll vermeiden

Verpackungsfreie Supermärkte sind Teil der Antwort auf das gewaltige Müllproblem, das wir haben. Im Pazifik schwimmt ein „siebter Kontinent“ aus Plastikmüll. Und der ist mittlerweile größer als Indien. Noch mehr Hard Facts? Ein Österreicher produziert 587 Kilogramm Abfall im Jahr. Fast 20% davon machen Verpackungen aus. Auch, wenn hierzulande ein großer Teil davon recycelt wird, kostet das natürlich trotzdem Energie. Abfall zu vermeiden ist ökologisch gesehen daher am sinnvollsten. Ein schönes Beispiel dazu kommt – woher sonst – aus Amerika. Würde man Mandeln hier nicht in Plastik eingeschweißt verkaufen, sondern aus einem großen Behälter abfüllen, könnte man jährlich rund 33 Millionen Tonnen Verpackungsmüll vermeiden. Und das nur allein wegen Mandelverpackungen! Gerade beim Einkaufen könnte viel Müll gespart werden. Höchste Zeit also, die Hüllen fallen zu lassen.

Einen Laden auf den Verkauf loser Waren umzustellen ist allerdings gar nicht so einfach. Und kostet zwischen 4.000 und 10.000 Euro, schätzt Eva Brandt, die Einrichtungen für verpackungsfreies Einkaufen konzipiert. Auch bedeutet diese Art von Supermarkt mehr Arbeit für den Ladenbesitzer. Die Behälter müssen penibelst gereinigt und das Haltbarkeitsdatum aller Waren regelmäßig überprüft werden. Schließlich muss alles hohen hygienischen Standards entsprechen. Trotzdem ist die Nachfrage hoch. Brandt wundert das nicht: „Es war an der Zeit. Die Verbraucher nervt es doch auch, wenn jede Zucchini einzeln eingeschweißt ist“.

Verpackungsfreie Supermärkte machen übrigens auch glücklich. Denn ab nun muss niemand mehr den Müll rausbringen.

Trotzdem ist der Erfolg verpackungsfreier Supermärkte nicht garantiert. Viele müssen nach einigen Monaten wieder zusperren. Wie das „Liebe und Lose“ in Innsbruck oder „Holis Market“ in Linz. Die PricewaterhouseCoopers-Verbraucherumfrage „Verpackungsfreie Lebensmittel“ hat ergeben, dass zwar 35% in einem verpackungsfreien Supermarkt einkaufen würden, 63% bevorzugen jedoch ein herkömmliches Geschäft, in dem Lebensmittel unter anderem auch unverpackt verkauft werden. Doch wer öfter in „normale“ Supermärkte einkaufen geht weiß: Die Wahl ist eine Qual. Denn oft kann man nur zu plastikverpackten Bio-Gemüse greifen oder zu unverpackten Gemüse aus  konventioneller Landwirtschaft. Der Grund für diese paradox wirkende Regelung ist übrigens recht einfach: Da es weniger Bio-Produkte gibt und diese entsprechende gekennzeichnet werden müssen, wird Bio eher in Plastik verpackt. Auf diesem Gebiet hat vor allem Ja! Natürlich in den letzten Jahren wegweisende Schritte mit Green Packaging gesetzt und konnte durch alternative Verpackungsmaterialien seit 2011 den Verbrauch an Plastik bereits um über 300 Tonnen reduzieren. Für alle, die sich Zahlen lieber visuell vorstellen: So viel wiegen 100 durchschnittlich große Elefanten.

Woran man cooles Obst und Gemüse erkennt? An ihren Tattoos.

 

Ein Nachteil des verpackungsfreien Einkaufs ist, dass wichtige Informationen zu Inhaltsstoffen und zur Haltbarkeit fehlen. Trotzdem: „Im Bewusstsein der Verbraucher zeichnet sich eine Trendwende ab, auf die der Handel und die Verpackungsmittelindustrie reagieren müssen, wenn sie Kunden binden und behalten wollten.“, sagt Gerd Bovensiepen, Leiter des Geschäftsbereichs Handel und Konsumgüter bei PwC. Außerdem haben die Schweden schon längst eine ziemlich schlaue Lösung gefunden, um Bio-Produkte auf ihrer natürlichen „Verpackung“ zertifizieren zu können – nämlich durch ein Licht-Tattoo, das direkt auf die Schale gebrannt wird. Essbar, natürlich und umweltfreundlich. Wie das geht? Durch einen gebündelten Lichtstrahl werden die Pigmente der äußersten Schalenschicht entfernt. So kann gewissermaßen auf der Schale „geschrieben“ werden.

Getestet wurde das Ganze bis jetzt aber erst bei Avocados und Süßkartoffeln, weil sich Himbeeren, nun ja, einfach nicht so gut dafür eignen. Doch allein durch die fehlenden Avocado-Verpackungen kann der schwedische Lebensmittelhändler 2042 Kilo Plastik sparen. Das entspricht dem CO2-Ausstoß eines Autos, das 1.3 Mal die Welt umrundet. Bio-Avocados mit Laser-Logo werden auch hierzulande getestet. Im Zuge eines Pilotprojektes sollen die Plastikverpackungen bei BILLA, Penny und Merkur durch das „Natural Branding“ ersetzt werden. Eine langfristige Vision für REWE ist, mit dieser Technik zukünftig möglichst viele weitere Produkte aus der Plastikverpackung zu holen. Sollten die ersten Tests erfolgreich sein, werden beispielsweise Mangos oder Melonen „tätowiert“.

Fazit: Was verpackungsfreie Supermärkte, tätowierte Früchte und die Marktfrau gemeinsam haben? Wenn man wirklich will, lassen sich Lösungen finden. Auch, wenn man dafür vielleicht einmal über den Tellerrand oder zurück in die Vergangenheit blicken muss. Das Plastiksackerl ist in vielen Supermärkten schließlich auch wieder der guten alten Papiertragetasche gewichen.

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